Grundlagen
Und täglich grüßt das Murmeltier
Warum mehr Erfahrung Sie nicht weiterbringt, sondern zuverlässig zum selben Ergebnis.

Ein Unternehmer sagte mir einmal, steif und fest, er handele grundsätzlich theoriefrei. Er meinte es als Kompliment an sich selbst: pragmatisch, bodenständig, nah an der Praxis. Es war der stärkste Widerspruch, der mir je begegnet ist – denn der Satz selbst ist eine Theorie über das eigene Handeln. Nur eben eine unbewusste.
Warum Erfahrung nicht das ist, wofür wir sie halten
„Grau, mein Freund, ist alle Theorie“ – sagte einst Mephisto zu Faust. Und er hatte dabei keine guten Hintergedanken.
Jedes Handeln stützt sich auf Annahmen, Glaubenssätze, Hypothesen – auf Theorie. Was dabei herauskommt, genauer: wie wir das Ergebnis deuten, verbuchen wir als Erfahrung. „20 Jahre Erfahrung“ ist also nicht zwangsläufig der richtige KPI für Könnerschaft. Und Theorie und Praxis lassen sich gar nicht trennen – sie sind zwei Seiten einer Medaille. Die Redensarten, die das Gegenteil behaupten – „grau ist alle Theorie“, „theoretisch ja, aber praktisch?“ – klingen nach gesundem Menschenverstand. Tatsächlich laden sie dazu ein, vorhandenes Wissen zu ignorieren.
Das hat Folgen, und sie sind teuer. Douglas McGregor, Mitbegründer der MIT Sloan School of Management, hat das schon vor Jahrzehnten unverblümt benannt:
Der häufige, ungerechte Vergleich von Praxis und Theorie im Management hat den Fortschritt in diesem Feld stark behindert. […] Er hat es Quacksalbern und Scharlatanen ermöglicht, mit wertlosen Spielereien und Programmen hausieren zu gehen.
Douglas McGregor, The Human Side of Enterprise (1960)
Lesen Sie das im Licht dessen, was Sie schon ausprobiert haben. Die wertlosen Spielereien sind nicht selten genau die Programme, die sich am besten verkaufen – weil sie vertraut klingen und bestätigen, was man ohnehin glaubt.
Es gibt nur zwei Arten von Erfahrung
Und damit zum eigentlichen Haken. Es gibt nur zwei Arten von Erfahrung. Die eine bestätigt, was wir ohnehin annehmen. Die andere hätte das Zeug, einen Glaubenssatz – manchmal ein ganzes Weltbild – wie ein Kartenhaus einstürzen zu lassen.
Man möchte meinen, die zweite Sorte sei die wertvollere: die Lernchance. Hier liegt der Trugschluss. Die Neurowissenschaft zeigt, dass wir genau die Erfahrungen, die unseren Annahmen widersprechen, so umdeuten und filtern, bis sie doch wieder bestätigend erscheinen. Wir nennen das Bias. Und so drehen wir uns im Kreis, ohne es zu merken.
Phil Connors (Bill Murray) wacht jeden Morgen im selben Tag auf – und kommt erst raus, als er aufhört, sich selbst zu bestätigen. Mit unserer Erfahrung ist es genauso: Ohne Bewusstsein über die eigenen Annahmen grüßt das Murmeltier zuverlässig weiter. Wir sind dazu verurteilt, immer wieder dieselbe Erfahrung zu machen.
Erfahrung ist ’ne Bitch.
Niels Pfläging, Mitbegründer des BetaCodex Network
Wer sich vor allem auf seine Erfahrung stützt – „aber meiner Erfahrung nach …“ –, glaubt am Ende nur, was er ohnehin glauben will. Das ist bequem. Und es ist der Grund, warum so vieles verpufft: nicht weil zu wenig versucht wurde, sondern weil jeder Versuch durch denselben Filter lief.
Theorie ist nicht grau. Sie ist der Ausweg.
Wenn die eigene Erfahrung der Selbstbestätigung dient, dann ist das, was über sie hinausweist, kostbar: belastbares Wissen, Evidenz, eine Theorie, die der Realität standhält. Sie bricht die Selbsttäuschung auf und schaut tiefer als die Oberfläche dessen, was wir gerade wahrnehmen.
Der Moment, in dem Ihre Erfahrung der Evidenz widerspricht, ist deshalb kein Ärgernis. Er ist die Lernchance. Statt die Theorie („klingt ja gut“) von der Realität („aber bei uns …“) abzuspalten, lohnt die Frage: Warum habe ich an dieser Stelle eine andere Erfahrung gemacht? Aus dieser Frage entstehen überraschende Erkenntnisse – und vor allem neue Handlungsoptionen, wo vorher nur Wiederholung war.
Anspruchsvoll ist das trotzdem. Es setzt voraus, dass man es wirklich wissen will.
Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie.
Kurt Lewin, Begründer der Feldtheorie
Theorie ist nicht grau und nicht hölzern. Sie ist sehr lebendig. Und ohne sie gibt es keine Praxis, die über die Wiederholung des Bekannten hinauskommt.
Weiterführende Literaturempfehlungen: